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SUCHT

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SUCHT

 

„Irgendwann auf unserem Entwicklungsweg entdecken wir, wer wir wirklich sind. Und dann treffen wir unsere wirkliche Entscheidung, für die wir verantwortlich sind. Triff diese Entscheidung in erster Linie für dich selbst, denn du kannst niemals das Leben eines anderen leben, nicht einmal das deines Kindes. Der Einfluss, den du gewinnst, stammt aus deinem eigenen Leben und aus der Persönlichkeit, die du im Begriff bist zu werden.“
Eleanor Roosevelt

 

Den Konsum von Rauschstoffen, wie zum Beispiel Alkohol und Nikotin, gab es in allen Kulturen, zu allen Zeiten. Ob der angestrebte Konsumeffekt, also die Funktion der Einnahme Genuss, Heilung oder Berauschung war bzw. ist, hängt jeweils vom soziokulturellen Kontext ab. Das zentrale Problem des Konsums von sogenannten psychoaktiven Stoffen ist das Suchtproblem, weil es so schwer zu vermeiden und zu behandeln, aber auch schwer zu erklären und zu verstehen ist. Zu Beginn der Entstehung einer Suchterkrankung fällt oft ein noch lustvolles Streben, ein Suchen nach den Inhalten und Wirkungen eines bestimmten Verhaltens, wie zum Beispiel der Genuss von Alkohol oder Nikotin, auf. Wird die Bindung an dieses Verhalten aber stärker, so kann sich daraus ein abnorm ausgeprägtes, krankhaftes Verhalten entwickeln. Ab diesem Zeitpunkt ist das Verhalten nicht mehr lustvoll, sondern bereitet mehr und mehr einen Leidensdruck. Es ist durch ein „Nicht-aufhören-können“ („Kontrollverlust“) und ein „Sich-nicht-enthalten-können“ („Abstinenzunfähigkeit“) charakterisiert. Die entstandene, intensive Bindung des jeweiligen Menschen an dieses Verhalten nennt man Abhängigkeit.

Diese Abhängigkeit in einem bestimmten Bereich - als Beispiel sei hier das „Entspannungstrinken“ genannt - lässt sich auch, abstrakter betrachtet, als ein Bemühen um Unabhängigkeit von Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel dem „Sich-nicht-anders-entspannen-können“, beschreiben. Der Wert der persönlichen Unabhängigkeit liegt gewissermaßen in der Gewissheit darüber entscheiden zu können, etwas zu trinken oder aber nicht zu trinken, sich zu entspannen oder angespannt zu bleiben. Die „angenehme“ Seite dieser süchtig angestrebten Unabhängigkeit, nämlich frei für und/oder von etwas zu sein, geht allerdings im Extremfall mit leidvoller Beziehungslosigkeit einher – alles andere wird unbedeutend und tritt in den Hintergrund.

Sucht kann also auch als ein kreislaufhafter Prozess zwischen Zuständen der Abhängigkeit und Unabhängigkeit gesehen werden. Von Gefühlen der Leere und Einengung gequält, strebt der suchtkranke Mensch nach einem Gefühl, dass ihm Erleichterung, Unabhängigkeit und Geborgenheit vermittelt. Die Suche nach diesen befreienden, „anderen“ Gefühlen, ist auch eine Flucht von realen Gefühlen, und der suchtkranke Mensch erlebt zwischen diesen Gefühlen eine Grenze, die er zu überwinden versucht. Besonders mit Rauschmitteln gelingt, wenn auch nur kurzfristig, der Versuch, sich über diese Grenzen hinwegzusetzen.

Was ist Sucht?

Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten, wobei zu den stoffgebundenen Suchterkrankungen zum Beispiel die Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Nikotin oder illegalen Drogen zählen, zu den stoffungebundenen Suchterkrankungen die Kauf-, Spiel- oder auch zum Beispiel Arbeitssucht. Einer Abhängigkeit, die in jedem Fall seelisch, später dann auch körperlich ist, geht ein längerfristiger Missbrauch voraus, wobei darunter zumeist ein vom allgemein üblichen Gebrauch abweichendes Konsumverhalten verstanden wird. Diese Abweichung kann sowohl qualitativ - der Suchtmittelkonsum bekommt einen übermäßigen Stellenwert im Leben - als auch quantitativ verstanden werden.

Eine Suchterkrankung ist medizinisch dann zu diagnostizieren, wenn im letzten Jahr 3 der folgenden Kriterien gegeben waren:

  • eine Art Zwang das Suchtmittel zu konsumieren
  • Toleranzentwicklung (man verträgt immer mehr) und Dosissteigerung
  • Entzugserscheinungen (diese können körperliche aber auch seelische sein)
  • Kontrollverlust (einmal begonnen, kann mit dem Konsum der Substanz nicht mehr aufgehört werden)
  • die Einschränkung oder der Verlust wichtiger persönlicher, sozialer und beruflicher Interessen oder Aktivitäten und
  • der anhaltende Konsum des Suchtmittels trotz eindeutiger schädlicher Folgen

Von einer Sucht, genauer bezeichnet einer Abhängigkeit, ist also dann auszugehen, wenn der Betroffene ohne sein Suchtmittel nicht mehr auskommt, die Dosen steigert, unter Entzugserscheinungen leidet, zunehmend das Interesse an früher wichtigen Dingen in seinem Leben verliert und soziale oder gesellschaftliche Aufgaben und Verpflichtungen im Beruf oder im Privatleben vernachlässigt. Das jeweilige Suchtmittel bestimmt sein Leben und macht den Menschen zunehmend körperlich und seelisch kaputt.

Wer wird suchtkrank und warum?

Bei von Alkohol, Nikotin, Medikamenten oder auch sogenannten „harten“, illegalen Drogen, wie zum Beispiel Heroin, abhängigen Menschen finden sich alle sozialen Schichten, Temperamente oder Altersstufen - junge und ältere Menschen, Arbeiter und Akademiker, Frauen und Männer. Sucht ist unabhängig von Ausbildung und sozialer Stellung. In Österreich sind es in etwa 870 000 Menschen, die von Alkoholmissbrauch betroffen, 330 000 die als alkoholabhängig zu bezeichnen sind. Weitere 110 000 Österreicher sind abhängig von rezeptpflichtigen Medikamenten, 25 000 von illegalen Drogen.

Wie entsteht Sucht?

Lange Zeit hat man angenommen, dass es einen ganz bestimmten Persönlichkeitstyp gibt, der für die Suchtentstehung verantwortlich ist. Die wissenschaftliche Forschung konnte jedoch belegen, dass es so einen suchtspezifischen Persönlichkeitstyp genauso wenig gibt, wie es eine ganz bestimmte Ursache für süchtiges Verhalten gibt. Es ist immer eine Vielzahl von Faktoren, die darüber entscheidet, ob jemand Suchtprobleme bekommen wird oder nicht. Sucht hat also immer eine sogenannte „multifaktorielle Genese“, wobei hier individuelle, biografische Faktoren, soziale Lebensumstände, und auch die Verfügbarkeit des Suchtmittels selbst eine wesentliche Rolle spielen

Der Suchtkranke selbst, seine aktuelle Lebenssituation

Dazu zählen aktuelle Schwierigkeiten, Probleme oder Besonderheiten, genauso wie die bisherige Lebenserfahrung eines Menschen, besonders die der ersten Lebensjahre. Wichtig ist dabei vor allem, ob ein Mensch die Erfahrung gemacht hat, dass sich Probleme mit Hilfe der Familie, mit Hilfe von Verwandten, Freunden oder professionellen Helfern lösen lassen. Zu hinterfragen ist dabei auch, ob ein Mensch gute Vorbilder im Umgang mit Gefühlen, auch und vor allem den schwierigen und unangenehmen gehabt hat, und mit wie viel Selbstbewusstsein er ausgestattet ist. Tatsache ist auch, dass manche Menschen aus genetischen Gründen unterschiedlich auf Suchtmittel reagieren und verschieden schnell eine körperliche Abhängigkeit entwickeln. Diese Faktoren sind auf keinen Fall als unausweichliches Schicksal zu verstehen, sondern als eine besondere Gefährdung, die ernst genommen werden muss.

Die sozialen Gruppen, in denen der Betroffene lebt

Hierzu zählt vor allem die Herkunftsfamilie eines Menschen, mit all ihren Besonderheiten aufgrund religiöser, sozialer oder kultureller Verbundenheit. In ihr erlebt jedes Kind erstmals den Umgang mit Rausch- und Genussmitteln, vor allem mit legalen Substanzen wie Alkohol, Nikotin und auch Medikamenten. In der Jugendzeit löst sich der Pubertierende langsam aus dem Familienverband mit den dort gültigen Werthaltungen und Normen. Der Freundeskreis, die so genannte Peer-Gruppe (engl. peer group) wird wichtiger, in ihr muss der Jugendliche bestehen und anerkannt werden. Dort gelten häufig Regeln, die von den Vorstellungen der Eltern deutlich abweichen. Im Erwachsenenleben ist das Gleichgewicht zwischen Berufsleben, Partnerschaft/Familie und Freizeitleben/Freundeskreis für das Wohlbefinden entscheidend. In Krisenzeiten kann der Anschluss an andere Suchtkranke eine fatale Entwicklung begünstigen. Spielerrunden, Alkoholiker-Stammtischtreffen, eine ebenfalls medikamentenabhängige Freundin, die Tabletten verschenkt etc. können den Einstieg in süchtiges Verhalten bahnen.

Die Rauschmittel und seine Verfügbarkeit

Hierzu zählen die Art der Wirkung, ihre Fähigkeit, rasch abhängig zu machen, die Art und Weise, wie sie angewendet werden, und die Erreichbarkeit für Konsumenten. Verfügen z.B. Jugendliche über ein sachlich richtiges Wissen, so können sie die Gefährdung bei Experimenten besser einschätzen als Jugendliche, die Drogen idealisieren und ihre Gefahren verleugnen. Bloße Abschreckung, auch gut gemeinte, bewirkt besonders bei Gefährdeten hingegen eher eine Anziehung. Von Seiten des Marktes gibt es nur wenig Beschränkung. Legale Substanzen wie Alkohol, Zigaretten oder auch manche Medikamente sowie Kombinationen mit koffeinhaltigen Getränken sind für Konsumenten meist ohne Probleme erhältlich, auch wenn dies nicht immer zum Beispiel den Jugendschutzbestimmungen entspricht.

Die Bewältigung der Sucht

Es gibt eine gute Nachricht: ein suchtkranker Mensch kann - mit professioneller Hilfe - gesund werden, denn die Sucht kann stillgelegt, wenn auch nicht ausgelöscht werden. Doch bevor dies geschehen kann, muss die Krankheit beim Namen genannt werden, und der Betroffene muss bereit sein diese zu akzeptieren. Zudem muss der Betroffene bereit sein, die für diese „Gesundung“ notwendige Arbeit zu leisten. Das ist ein langer Prozess, der in letzter Konsequenz den Wechsel in ein neues System verlangt. Es geht dabei darum, die die Sucht aufrechterhaltenden Bedingungen zu verändern - sein Leben zu verändern.

In der Suchttherapie geht es in erster Linie um das Stärken des Wunsches nach Abstinenz und um das Entwickeln von Vertrauen in die eigenen, bereits vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Hier gilt es auch, andere Formen von Genuss, Lebensfreude und Entspannung zu entdecken. Für den Umgang mit aktuellen sozialen und persönlichen Problemen und Konflikten im Alltag werden neue Bewältigungsstrategien herausgearbeitet. Des Weiteren werden der Hintergrund, die Ursachen und die Geschichte der Abhängigkeitsentwicklung bearbeitet. In der Suchttherapie stellt die Abstinenz die Grundlage für ein freudvolles, erfülltes Leben dar. Die Aufgabe des Suchtmittels ist also eine notwendige Entscheidung, die die Zukunft eines von Sucht betroffenen Menschen erst möglich macht. In der modernen Suchttherapie geht es nicht mehr nur darum, Defizite zu bearbeiten, sondern, ganz im Gegenteil, verschüttete Ressourcen wieder freizulegen und neue zu entwickeln. Als Ressourcen werden hierbei  innere Potentiale eines Menschen bezeichnet, welche unter anderem Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Geschicke, Erfahrungen, Talente, Neigungen und Stärken sind. Innerhalb einer Suchttherapie können diese Kraftquellen genutzt werden, um den Heilungsprozess zu fördern. Suchtkranke Menschen lernen dadurch ihr Leben wieder möglichst autonom, sinnerfüllt und freudvoll zu gestalten - ohne Abhängigkeit von Suchtmitteln.

 

Bitte beachte, dass diese Informationen keinesfalls einen Besuch beim Arzt/Ärztin ersetzen können und sollen. Wende dich bitte bei Fragen in jedem Fall an ärztliches Fachpersonal.

Autorin:

Dr. Ute Andorfer
Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin
Verhaltenstherapeutin in Ausbildung unter Supervision
stv. Leitung des Bereichs Psychologische Behandlung
stv. Leitung des Bereichs Angehörigenbetreuung
stv. Koordinatorin des Schwerpunktbereichs Kreativität und Lebensgestaltung
Anton Proksch Institut Wien